Dienstag, 25.09.2018 06:50 Uhr

Wald und Waldbaden für gestresste Städter

Verantwortlicher Autor: Lydia Budiner Berlin, 12.09.2018, 11:47 Uhr
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Wald als Weg zu mehr Gesundheit
Wald als Weg zu mehr Gesundheit  Bild: Lydia Budiner

Berlin [ENA] Jetzt ist es in aller Munde „Waldbaden“. Der Homo urbanus merkt, dass „Stadt“ und „Smartphone“ allein keine Garanten für Wohlbefinden sind –und so kommt es, dass er die Natur wieder neu für sich entdeckt. Eine Chance die Bedeutung der Natur für Menschen wieder bewusst zu machen.

Nichts habe ich als Biologin so gern verfolgt, wie den Trend der Stadtbevölkerung zurück in den Wald, zurück zur Natur – hin zum Waldbaden. Der Aufenthalt im Wald hilft, zur Ruhe zu kommen, den Kopf frei zu bekommen, wieder einen erholsamen Schlaf zu finden und das Immunsystem zu stärken. Doch Wald ist nicht nur Heilmittel oder Kulisse, Wald bedeutet auch Verantwortung.

Was ist Wald?

Unser Wald bedeckt ein Drittel der Landfläche Deutschlands, das sind 11,4 Millionen Hektar und befindet sich zu ca. 48% in Privatbesitz. Und Wald ist mehr als eine Ansammlung von Bäumen. Nicht jede Gruppe von Bäumen im Park oder am Rande einer Allee ist gleich Wald. Erst wenn eine große Zahl an Bäumen zusammenkommt, die mit ihren Kronen ein lebendes Kronendach bilden, beginnt der Wald und bildet sich das für den Wald einzigartige Wald(innen)Klima.

Es entsteht ein vielschichtiges, komplexes Ökosystem. Im „Ökosystem Wald“ existieren vielfältigen Wechselwirkung zwischen den zahlreichen waldtypischen Pflanzen, Tieren, Pilzen und Mikroorganismen, Waldboden, Luft und Wasser. Der Wald wirkt ausgleichend auf das Klima, er bremst den Wind, er sammelt und speichert Wasser, reinigt die Luft. Und wie jedes Ökosystem, kann er durch falsche Nutzung, gedankenlose Nutzer, die den Wald nur als Kulisse sehen, Spaziergänger, die Müll achtlos liegen lassen usw. geschädigt werden. Im Zusammenspiel zwischen Wald und Mensch ist daher ein hohes Maß an Achtsamkeit und Respekt gefragt, damit nicht Wälder Schaden nehmen und das Ökosystem empfindlich gestört wird.

Was macht den Wald so besonders?

Wenn man durch den Wald geht, bemerkt man schon: hier ist alles anders, ruhiger, der Alltagslärm ist gedämpft, der Boden federt unter unseren Füssen und ist von Nadeln bzw. Blättern bedeckt, es dringt nur gedämpftes Licht zum Waldboden, Licht und Schatten zaubern immer neue Eindrücke, viel Grün, viel gedeckte Farben, der Geruch von Holz, Erde, Baumharzen; die Geräusche des Waldes wie das Knacken im Unterholz und das Rauschen der Blätter.

Waldluft ist etwas Besonderes: Im Wald ist es kühl, die Luft ist feuchter, die Bäume schützen vor Wind, das Kronendach vor Sonnenstrahlung. Der Wald ist eine natürliche Klimaanlage. Darüber hinaus hat die Waldluft noch weitere Besonderheiten: Neben Sauerstoff geben die Bäume auch ätherische Öle und Duftstoffe ab (z.B. Terpene, Phytonzide). Damit schützen sie sich vor Baumkrankheiten, Insektenbefall und anderen Schaderregern. Auf uns Menschen wirken diese Pflanzenstoffe ausgleichend und gesundheitsfördernd.

Medizinische Untersuchungen belegen, was Waldbesucher schon lange „aus dem Bauch heraus“ wissen: Der Aufenthalt im Wald wirkt beruhigend und entspannend. Er stärkt das Immunsystem und hilft, Stress und psychische Belastungen abzubauen. Außerdem bietet der Wald auch akustisch ein einzigartiges Erlebnis. Zusätzlich stellt der Wald auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor dar.

Was ist Waldbaden?

Bundesweit laden mehr als 574.000 Kilometer Waldwege zum Wandern ein. Mehr als zwei Milliarden Waldbesuche werden in Deutschland jährlich gezählt. Bewegung im Wald ist schon seit jeher eine häufige Freizeitbeschäftigung. Vermutlich war Goethe einer der ersten dokumentierten Waldbadenden, denn er schreibt: „Ich ging im Walde /So vor mich hin,/Und nichts zu suchen,/Das war mein Sinn.“ Mit den gleichen Versen beginnt das Gedicht von Friedolin Tschudi doch die Inhalte spiegeln wider, wie ein Wald aussehen kann, wenn nicht achtsam mit ihm umgegangen wird. „Hier traf ich haufenweise Schmutz ¬/trotz Heimat- und Gewässerschutz“. Beim Waldbaden geht es um Achtsamkeit und um die Wahrnehmung des Waldes mit allen Sinnen- den respektvollen Umgang.

Ein weiterer historisch belegter „Waldbadender“ war der Franzose Jean Giono. Er beschreibt in seiner Kurzgeschichte wie der Wald selbst ( „wir verbrachten den ganzen Tag damit, dass wir schweigend im Wald herumgingen“), wie auch das Waldbaden bzw. lange Waldspaziergänge eine wohltuende Wirkung entfalten können und wie ein Mann, Elzéard Bouffier, der nach dem Verlust seiner Familie als Einsiedler lebte und über viele Jahrzehnte und zwei Weltkriege hinweg Bäume anpflanzte, selbst einen Wald entstehen ließ (1981; https://fr.wikisource.org/wiki/L’Homme_qui_plantait_des_arbres oder http://www.perso.ch/~arboretum/pla.htm ). Somit ist "Waldbaden" nichts wirklich Neues, allein die Bezeichnung ist neu und die Wissenschaft dahinter.

Den Begriff „Waldbaden“ prägten dann die Japanern, bei denen dies „Shinrin Yoku“ genannt wird. Hinter dem Begriff „Waldbaden“ kann sich vieles verbergen, im Grunde geht es um einen Waldspaziergang gepaart mit Achtsamkeit und entsprechenden Achtsamkeits- oder Entspannungsübungen und die Konzentration auf das Hier und Jetzt. Die Japaner sind es auch, die sich intensiv wissenschaftlich mit der Wirkung des Waldes auseinander setzten.

Zahlreiche Studien untermauern die Bedeutung von Waldbaden für die Gesundheit (Stressabbau, Blutdrucksenkung, Stärkung des Immunsystems usw.). Wer Details zu den wissenschaftlichen Studien zur Wirkung des Waldbadens nachschlagen möchte, dem sei u.a. die deutsche Ausgabe des Buches von Yoshifumi Miyazaki (2018): „Shrinrin Yoku – Heilsames Waldbaden“ erschienen im Irsiana Verlag oder von Dr. Qing Li (2018): Shinrin-Yoku- The art and science of forest-bathing“, Verlagsruppe Penguin Random House UK, empfohlen. Wer Waldbaden einmal ausprobieren möchte, findet zahlreiche Angebote im Internet, wie z.B. nahe Berlin unter www.coaching-by-nature.expert .

Waldaktionstage September 2018

Wald ist wichtig und wird im Rahmen der Verstädterung zunehmend genutzt, als Quelle für Erholung und Gesundheit, als Basis für zahlreiche Sport- oder Waldlehrangebote oder auch „nur“ als Kulisse für Aktivitäten. Um die Bedeutung des Waldes in Bezug auf Lebensqualität und Freizeitgestaltung und die vielen ökologischen Funktionen in den Fokus zu stellen, hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft erstmalig vom 13. bis 16 September zu den „Waldtagen 2018“ eingeladen. Zahlreiche Aktivitäten ermöglichen den Wald aus verschiedenen Perspektiven kennenzulernen. Weitere Informationen gibt es auf der Seite www.waldkulturerbe.de.

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