Dienstag, 25.09.2018 07:21 Uhr

Digitalisierung - Versuch einer vorläufigen Einordnung

Verantwortlicher Autor: Dr. Bernd Strecker Bad Schönborn, 05.11.2017, 22:07 Uhr
Presse-Ressort von: Dr. Bernd Strecker Bericht 6360x gelesen

Bad Schönborn [ENA] Der Begriff „Digitalisierung“ hat in letzter Zeit extreme Hochkonjunktur. Er wird für Entwicklungen in fast allen Bereichen benutzt. Es ist aber sehr fraglich, ob sich jeder Sprecher, der ihn gebraucht, dessen Inhalt und deren Konsequenzen bewusst ist. Wir meinen, dass Digitalisierung - zunächst einmal - eher zu einem Totschlag-Begriff mutiert ist. Bei vielen Menschen ruft er ein Gefühl der Verunsicherung hervor.

Sehr oft scheint dies von den Benutzern bewusst intendiert zu sein. Digitalisierung wird nämlich in gleichem Atemzug mit Krisen und Unsicherheiten genannt, unter denen - nicht nur besagte - sondern alle Personen gelitten haben. Andererseits erscheint Digitalisierung sozusagen als positiver „Zauberstab“ für die Zukunft. Sie wird - so die oft gesteuerte und mitschwingende Gewissheit - in der Lage sein, nahezu alle Probleme zu lösen. Natürlich muss sie richtig entwickelt und eingesetzt werden. Leider liegt hier jedoch das eigentliche Problem.

Digitalisierung, also die gezielte (binäre) Reduzierung auf eine möglichst kleine Anzahl von zu definierenden Arbeitsschritten und deren engere oder weitere Verknüpfung, wäre in der Tat auf die verschiedensten Bereiche der nationalen wie auch internationalen Gesellschaften übertragbar. Wir denken etwa an die Medizin, das Bankwesen, das Handwerk, die Wirtschaft und die Industrie - mit ihren jeweiligen produktbezogenen Eingriffen in das tägliche Leben. Auch die Dienstleistungen - und vor allen Dingen die Bildung - haben in diesem Zusammenhang ihre Bedeutung und sind deshalb hier zu nennen.

Die Digitalisierung hat somit einen multifunktionalen Charakter. Er wird gesteuert einmal durch die gegebene Eigenart, beziehungsweise aufgrund der besonderen Struktur des ausgewählten Bereichs, wie auch durch die gesellschaftlichen Gegebenheiten und deren Veränderungen. Bei der Bildung kommen noch zusätzliche Schwierigkeiten hinzu, auf die wir später genauer eingehen wollen.

Voraussetzung für eine erfolgreiche Digitalisierung wäre zunächst einmal ein genauer Überblick über das betreffende Arbeitsgebiet, deren Aufteilungs- oder Einpass-Möglichkeiten in bereits existierende, etwa themenbezogene Gelenkstücke, - vor allen Dingen aber um eine integrative Gesamt-Zielsetzung. Letztere steuert nämlich als übergeordnete Größe den differenzierten Prozess der Digitalisierung. Ohne nachprüfbare Zielsetzung ist deshalb ihr Einsatz und besonders ihre Umsetzung für die einzelnen Arbeitsschritte defizitär, weil die innere Logik und Folgerichtigkeit der sich neu ergebenden Schritte nicht offenliegen und deshalb Kritik-resistent sind.

Gehen wir von der augenblicklichen Situation in Deutschland aus, so wurde bereits in einigen Bereichen (etwa dem der Industrie, des Bankwesens oder der Medizin) die umfassende Digitalisierung ein gutes Stück erfolgreich vorangebracht. Im Vergleich dazu muss z.B. das Handwerk in eklatanter Weise nachrüsten. Die Gründe dafür liegen in: der bisher gepflegten Sorglosigkeit der Verantwortlichen des deutschen Handwerks; der immensen auf sie zukommenden Kosten und der nicht angepassten Personalpolitik.

Digitalisierung bedeutet nämlich eine völlig neue Sicht auf die jeweilige Produktionsweise. Bei den meisten mittelständischen Unternehmen wird die eigene Produktion aber eher als ein-dimensionales Vorgehen gesehen. In Wirklichkeit aber - und hier sind die Industrie und Medizin schon viel weiter - geht es allgemein um ein zusätzliches (!) multifunktionales Denken. Dieses sollte in ein enges Kooperationsvorgehen von IT-Spezialisten / Programmierern und Didaktikern mit beidseitigem technischem Hintergrundwissen eingebettet sein.

Aufgrund der schon bisher bestehenden Kosten und Schwierigkeiten hat man ein ‚leichteres’ Hilfsmittel für die Arbeitsweise entwickelt: die sogenannten „Plattformen“. Dabei handelt es sich um vorgefertigte digitalisierte Tools, die eine begrenzte Zahl von Parametern innerhalb eines bestimmten Arbeitsbereichs berücksichtigen. Die Plattformen sind für solche Anwender gedacht, die nur begrenzte Kenntnisse der Programmiersprachen besitzen, aber dennoch angemessene Software erarbeiten können.

Für die oben beschriebene komplexe Digitalisierung, die sich natürlich auch international darstellt, wären aber Hilfsmittel wie die genannten Plattformen nicht durchgehend zielführend, weil sie die neu entstehenden Verknüpfungen und die damit verbundenen qualitativen Veränderungen per se nicht berücksichtigen können. Personell wurde dieses Vorgehen von der Industrie und Medizin schon - graduell unterschiedlich - vollzogen.

Nur ansatzweise, wenn überhaupt, kann dies dagegen vom Handwerk behauptet werden. Neben den o.a. negativen Gründen im Handwerksbereich spielen hier - delikaterweise (!) - auch wesentliche Aspekte des Dualen Systems eine wichtige Rolle. Gerade das Handwerk hat in der Vergangenheit immensen Einfluss auf das Duale System genommen und es - zusammen mit den staatlichen Bildungseinrichtungen, (deshalb ‚dual‘) - zu einem deutschen Flaggschiff weiter entwickelt, welches von einer wachsenden Zahl von Ländern wegen seiner Effektivität gerne übernommen wurde.

Schaut man genauer hin, so hat sich in Deutschland während der letzten Jahre leider die einst enge, fruchtbare und zugleich notwendige Zusammenarbeit von Handwerk und staatlichen Stellen teilweise einseitig umgekehrt, auf jeden Fall stark reduziert, weil sich der Staat als Entscheidungsträger weitgehend aus der dualen Ausbildung zurückgezogen hat. Damit fehlt ein wichtiges Korrektiv.

Das Handwerk setzt heute z.B. die Inhalte für seine Lehrpläne und Prüfungen allein fest, muss andererseits aber immer wieder auf staatliche Lehrpersonen zurückgreifen, um überhaupt seine anstehenden Aufgaben zu erfüllen. Die Wiedereinführung einer echten, vorurteilslosen Diskussion zwischen den Partnern wäre dringend geboten. Stattdessen hat es leider viele kuriose Situationen und unerwünschte Verwerfungen gegeben.

Für Kenner hat deshalb das deutsche Flaggschiff der Dualen Bildung deutlich an Strahlkraft verloren. Andererseits wurden in letzter Zeit hervorragende, wissenschaftlich abgesicherte Alternativen bzw. Weiterentwicklungen im Sinne der kooperierenden Arbeitsweise veröffentlicht (Georg Rothe; Rolf Dörflinger). Deren Umsetzung lässt aber weiterhin auf sich warten, obwohl sie im Zusammenhang der bevorstehenden Digitalisierung dringend notwendig wäre.

Was die allgemeine Bildung angeht, so hat die Digitalisierung hier nicht nur Fürsprecher. Das betrifft im Besonderen das Anfangsstadium der Lernenden. Führende Neurologen, wie z.B. Manfred Spitzer, lehnen - unseres Erachtens zu Recht - die Benutzung jeglicher Art von Digitalisierung für diese Adressaten vehement ab. Das Argument ihrer Gegner, möglichst früh die Kinder an digitalisierte Texte heranzuführen, um sie für die Zukunft fit zu machen, sind blauäugig und mehr als dürftig. In diesem Stadium des Lernprozesses geht es nämlich um ganz andere zu vermittelnde Inhalte. In den folgenden Schuljahren sollte dann die Digitalisierung - den Notwendigkeiten entsprechend - einen sinnvollen, nicht überzogenen Einzug halten.

Die komplex-strukturierte Digitalisierung wird für die Zukunft von eminenter Bedeutung sein, besonders auch für das Rohstoff-arme Deutschland, das andererseits international ein führendes Exportland ist. Für die Umsetzung wird die Regierung einiges Geld in die Hand nehmen müssen. Leider gibt es aber zurzeit hier - neben den genannten Schwierigkeiten - ein zusätzliches, nahezu unauflösliches Hindernis, nämlich die bornierte, verfestigte Ideologisierung der (allgemeinen) Bildung.

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